
Fortgeschrittenes Englisch: Was bedeutet das wirklich?
Englisch lernen ist wie jede andere Fähigkeit. Sie fangen als Anfänger an und arbeiten sich nach oben. Wahrscheinlich sind Ihnen schon viele Lehrer, Apps und Bücher begegnet, die versprechen, Sie auf ein „fortgeschrittenes“ Niveau zu bringen.
Aber was heißt „fortgeschrittenes Englisch“ eigentlich? Bei dem Begriff lohnt sich ein zweiter Blick.
1. Fortgeschrittener Wortschatz – muss es immer kompliziert sein?
Bei fortgeschrittenem Englisch denken viele sofort an einen größeren Wortschatz. Statt „bad“ sagt man „detrimental“, statt „happy“ vielleicht „ecstatic“. Aber warum gelten diese Wörter als fortgeschritten?
Der eigentliche Grund: Sie kommen seltener vor. „Bad“ begegnet Ihnen ständig, „detrimental“ nur ab und zu. Fortgeschrittener Wortschatz ist oft einfach selten verwendeter Wortschatz.
Und das hat einen Haken. Viele englische Gespräche finden heute zwischen Nicht-Muttersprachlern statt, mit einem kleineren Wortschatz. Ihr Gegenüber kennt das seltene Wort vielleicht nicht. Selbst Muttersprachler greifen im Gespräch oft zu einfachen Wörtern, weil das Gehirn seltene Wörter langsamer abruft. Untersuchungen deuten sogar darauf hin, dass zu komplizierte Synonyme den Schreiber weniger kompetent wirken lassen, nicht klüger.
Seltene Wörter können Sie also unklarer machen, nicht fortgeschrittener.
2. Komplexe Sprache: Warum „Legalese“ keine Lösung ist
Ein anderes Beispiel für vermeintlich fortgeschrittenes Englisch ist „Legalese“, die Sprache der Juristen. Sie gilt als schwierig und komplex. Aber warum?
Forschende am MIT haben genau das untersucht. Ihr Ergebnis: Juristische Texte sind nicht deshalb schwer verständlich, weil sie auf einem besonders hohen Sprachniveau stünden, sondern weil sie schwer lesbar geschrieben sind, mit verschachtelten Sätzen, Fachjargon und unnötig komplizierten Strukturen. Ihre neueren Studien deuten sogar darauf hin, dass diese Sprache bewusst einen Ton von Autorität und Besonderheit erzeugt, den inzwischen selbst Nicht-Juristen einsetzen.
Denken Sie an die Nutzungsbedingungen, denen Sie zustimmen, ohne sie zu lesen. Die meisten winken sie durch, weil die Sprache sie abschüttelt.
Quelle: MIT study explains why laws are written in an incomprehensible style, MIT News, 19. August 2024.
3. Fortgeschrittenes Englisch heißt: klar und verständlich
Vielleicht denken Sie: „Fortgeschrittenes Englisch ist präziser, feiner, manchmal sogar poetisch.“ Aber denken wir kurz darüber nach, was Kommunikation eigentlich ausmacht.
Gelungene Kommunikation heißt, dass Ihr Gegenüber versteht, was Sie meinen. Wenn Sie eine Sprache benutzen, die der andere nicht versteht, kommunizieren Sie nicht, Sie bauen eine Mauer.
Komplexe Grammatik und seltene Wörter helfen Ihnen nicht automatisch, sich besser auszudrücken. Oft schränken sie Sie sogar ein.
Sie müssen nicht mehr Englisch lernen, sondern mehr üben. Wenn Sie diese künstlichen Barrieren loslassen, sprechen Sie freier: Sie teilen Ideen, machen Witze, entschuldigen sich und vieles mehr.
4. Fortgeschrittenes Englisch heißt nicht, alles zu wissen
Oft haben wir das Gefühl, wir müssten erst „perfekt“ Englisch sprechen, bevor wir uns in ein Gespräch trauen. Wir warten darauf, unser Englisch „auf ein höheres Niveau“ zu bringen, und verlieren dabei Zeit und Chancen.
Haben Sie schon einmal etwas nicht gesagt, weil Sie dachten, Ihr Englisch sei noch nicht gut genug? Stundenlang Vokabeln gelernt, die Sie später nie gebraucht haben? Gespräche gemieden, weil Sie auf das „perfekte“ Englisch gewartet haben?
Sie müssen nicht warten, bis Sie perfekt sind. Sie brauchen keine neuen Wörter und keine komplizierte Grammatik. Sie brauchen Übung und den Mut, einfach anzufangen.
5. Was fortgeschrittenes Englisch wirklich bedeutet
Am Ende heißt fortgeschrittenes Englisch nicht, die schwierigsten Wörter oder die komplexesten Strukturen zu beherrschen. Es heißt, dass Sie klar und ruhig kommunizieren, auf eine Weise, die der andere versteht. Dass Sie Geschichten erzählen, Ideen teilen, Verbindungen schaffen.
Warten Sie nicht länger darauf, „perfekt“ zu sein. Lassen Sie die Idee vom „fortgeschrittenen Englisch“ los und konzentrieren Sie sich auf das, was wirklich zählt: Übung, Klarheit, Kommunikation.
Dann finden Sie genau das fortgeschrittene Englisch, das Sie suchen.


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