Fortgeschrittenes Englisch: Was bedeutet das wirklich?

Englisch lernen ist wie jede andere Fähigkeit. Sie fangen als Anfängerin an und arbeiten sich nach oben. Wahrscheinlich sind Ihnen schon viele Lehrer, Apps und Bücher begegnet, die versprechen, Sie auf ein „fortgeschrittenes” Niveau zu bringen.

Aber was heißt „fortgeschrittenes Englisch” eigentlich? Bei dem Begriff lohnt sich ein zweiter Blick.

1. Fortgeschrittener Wortschatz – muss es immer kompliziert sein?

Bei fortgeschrittenem Englisch denken viele zuerst an einen größeren Wortschatz. Statt bad sagt man detrimental, statt happy vielleicht ecstatic. Aber warum gelten diese Wörter als fortgeschritten?

Der eigentliche Grund: Sie kommen seltener vor. Bad begegnet Ihnen ständig, detrimental nur ab und zu. Fortgeschrittener Wortschatz ist oft schlicht selten verwendeter Wortschatz.

Und das hat einen Haken. Viele englische Gespräche finden heute zwischen Nicht-Muttersprachlern statt, mit einem kleineren Wortschatz. Ihr Gegenüber kennt das seltene Wort vielleicht nicht. Selbst Muttersprachler greifen im Gespräch oft zu einfachen Wörtern, weil das Gehirn seltene Wörter langsamer abruft.

Der Princeton-Psychologe Daniel Oppenheimer hat außerdem gezeigt, dass unnötig komplizierte Synonyme den Verfasser weniger kompetent wirken lassen, nicht klüger. Sein Aufsatz trägt den Titel „Consequences of erudite vernacular utilized irrespective of necessity: problems with using long words needlessly” – auf Deutsch etwa „Folgen des unnötigen Einsatzes gelehrter Ausdrucksweise: Probleme, die entstehen, wenn man lange Wörter ohne Grund verwendet.”. Man könnte auch sagen: Warum unnötig lange Wörter dumm aussehen lassen.

2. Komplexe Sprache: Warum „Legalese” keine Lösung ist

Ein anderes Beispiel für vermeintlich fortgeschrittenes Englisch ist „Legalese”, die Sprache der Juristen. Sie gilt als schwierig und komplex. Aber warum?

Forschende am MIT haben genau das untersucht. Ihr Ergebnis: Juristische Texte sind schwer verständlich, weil sie nach bestimmten Konventionen schwer lesbar geschrieben werden (vor allem durch verschachtelte Sätze und teils unnötigen Jargon) – nicht, weil der Inhalt zwangsläufig ein höheres Sprachniveau braucht.

Neuere Studien deuten sogar darauf hin, dass diese Sprache bewusst einen Ton von Autorität und Besonderheit erzeugt, den inzwischen auch Nicht-Juristen einsetzen.

Denken Sie an die Nutzungsbedingungen, denen Sie zustimmen, ohne sie zu lesen. Die meisten winken sie durch, weil die Sprache sie abschüttelt.

Quelle: MIT study explains why laws are written in an incomprehensible style.
Veröffentlicht auf MIT News am 19. August 2024 (bzw. 18./19. August 2024, je nach Zeitzone).

3. Fortgeschritten heißt: Sie werden verstanden

Gelungene Kommunikation heißt, dass Ihr Gegenüber versteht, was Sie meinen. Wer eine Sprache benutzt, die der andere nicht mitgeht, kommuniziert nicht, sondern baut eine Mauer. Komplexe Grammatik und seltene Wörter helfen dabei nicht, sie schränken Sie eher ein.

Sie müssen nicht mehr Englisch lernen. Sie müssen mehr üben.

Und Sie müssen nicht warten, bis es perfekt ist. Haben Sie schon einmal etwas nicht gesagt, weil Ihr Englisch angeblich noch nicht gut genug war? Stunden mit Vokabeln verbracht, die Sie nie gebraucht haben? Genau das kostet Sie Gespräche, während der Wortschatz, den Sie längst haben, im Regal steht.

Fortgeschrittenes Englisch heißt am Ende: klar sprechen, ruhig bleiben, verstanden werden. Geschichten erzählen, Ideen teilen, Verbindung herstellen. Alles andere ist Dekoration.

Wenn Sie das üben wollen, ohne dass etwas davon abhängt: Die Speak Easy Sessions sind kostenlos. Und warum Ihnen ausgerechnet unter Druck die Wörter fehlen, die Sie längst haben, steht in Kopf leer, Herz rast.

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